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"Spieglein, Spieglein an der Wand..." zeige mir nur das, was ich sehen will.


Stell dir vor, du hättest zu Hause einen Spiegel, der alle Erinnerungen speichert, was er je gesehen hat. Das wäre doch ganz schlimm. Nicht wahr? Wenn wir ins Spiegel sehen, dann erwarten wir, dass es ein “neutral” und unvoreingenommen unser Bild zeigt.

Genau deshalb ist mir eine Weisheit, die ich vor einiger Zeit gehört habe, so tief im Gedächtnis geblieben:

“Damit ein Spiegel die Realität zeigt, muss er zwei Dinge haben: Er muss absolut flach sein und nichts darf in ihm zurückbleiben.” (Autor unbekannt)

Das heisst. Ein Spiegel, der Flecken trägt oder Unebenheiten hat, wird niemals ein klares Bild von dir zeigen.


Und je länger ich darüber nachdachte, desto deutlicher wird mir: Unser Geist funktioniert ganz ähnlich.


Auch wir tragen viele Erfahrungen und Erinnerungen in uns. Das hat einen grossen Einfluss darauf, wie wir die Informationen um uns herum interpretieren. 

Besonders deutlich wurde mir das in den vielen Interviewsituationen, die ich letztes Jahr erlebt habe. Ein Handschake und ersten zwei Sätze und schon scheint ein Bild für uns entstanden zu sein. 

Doch was wir in solchen Situationen sehen, ist selten nur der Mensch vor uns. Es ist oft ein Spiegelbild unserer eigenen Erfahrungen.

Ich erinnere mich an einen Bewerber, etwa Mitte vierzig. Er trat nervös in den Raum, leicht verspätet. Noch bevor das Gespräch richtig begonnen hatte, habe ich bereits eine Hypothese gebildet: Dieser Mensch wird mit Druck nicht umgehen können.

Dann erzählte er sorgfältig formuliert, dass dies sein erstes Bewerbungsgespräch seit fünf Jahren sei. Er hatte im Schichtdienst gearbeitet und sich jedes Wort notiert, um nichts Falsches zu sagen.


In diesem Moment traf mich eine unangenehme Erkenntnis: 

Das Problem lag nicht bei ihm. Es lag bei mir. Oder genauer gesagt: bei meinem Spiegel, der nicht so sauber war, wie ich geglaubt hatte.

Unsere schnelle Urteilskraft

Unser Gehirn liebt Abkürzungen. Das ist kein Fehler, sondern ein tief verankerter, evolutionärer Mechanismus. Er hilft uns, schnell Muster zu erkennen, Situationen einzuordnen, Entscheidungen zu treffen. Ohne diese Fähigkeit wären wir als Spezies kaum so weit gekommen.


Doch dieselbe Mechanik, die uns schützt, verführt uns auch dazu, vorschnell zu urteilen. Das hat uns gelehrt schnell Muster zu erkennen:


  • Jemand trägt Jeans statt Blazer → nicht professionell genug.

  • Jemand spricht ruhig → unsicher.

  • Jemand erinnert uns an eine schwierige Ex-Kollegin → Vorsicht.


Diese Reflexe sind menschlich aber sie engen unseren Blick ein. Sie drängen Menschen in Schubladen, bevor wir sie überhaupt kennengelernt haben.

Gerade in Vorstellungsgesprächen brauchen wir deshalb diesen „flachen Spiegel“. 

Die Fähigkeit, einen Menschen möglichst unvoreingenommen zu betrachten und unsere Einschätzung auf Beobachtungen und Fakten zu stützen, nicht auf innere Verzerrungen.


Wie können wir "neutral" bleiben?


Für mich bedeutet das heute, ein Gespräch ganz "neutral" zu beginnen: Ich kenne diesen Menschen nicht. Ich weiss nichts über ihn oder sie. 

Während des Interviews halte ich fest, was ich tatsächlich wahrnehme. Ohne Interpretation. Das heisst, ich schreibe nicht: 


  • „selbstbewusst“, SONDERN „spricht klar und hält Blickkontakt“. 



  • Nicht „unsicher“, SONDERN „zögert vor Antworten und formuliert vorsichtig“.


Die Bewertung kommt erst später, wenn ich zurück an meinem Schreibtisch bin und die Gedanken sich gesetzt haben. 


Und wenn ich merke, dass Sympathie oder Antipathie sich leise in meine Gedanken schiebt, führe ich mich selbst zurück zu den Fakten.

Diese Vorgehensweise setze ich mir als bewusste Priorität für 2026. 

Aber wie wäre es, wenn wir das nicht nur in Interviews oder Recruitingprozesse umsetzen, sondern auch ganz allgemein in den Alltag übertragen? 


Ich denke wir würden die Menschen ganz anders sehen, als wir uns es gewohnt sind. 


Ich nehme mir nichts anderes vor, als meinen Spiegel regelmässig zu reinigen - denn Wer Fairness von anderen erwartet, sollte sie zuerst im eigenen Denken beginnen.


Und was nimmst du dir für 2026 vor?



 
 
 

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