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Stabil an der Oberfläche, im Umbruch darunter: der Schweizer Arbeitsmarkt im Frühling 2026 - und was es für HR bedeutet

Schweizer Arbeitsmarkt. Arbeitslosenquote. Zahlen.

Diesen Frühling sind zwei Berichte auf meinem Tisch gelandet. Der eine zählt Stellen – die monatliche Statistik des SECO. Der andere fragt, welche Menschen Unternehmen eigentlich suchen – der vierteljährliche Job Index von Adecco und der Universität Zürich. Einzeln gelesen sind beide solide.


Zusammen erzählen sie eine Geschichte, die mich als Recruiterin mehr interessiert: Es geht längst nicht mehr nur darum, wie viele Stellen offen sind, sondern wofür eingestellt wird?


Arbeitslosenquote Schweiz


Die Lage in 30 Sekunden


Die Schlagzeile klingt gut: weniger Arbeitslose, mehr offene Stellen, ein leicht erholter Stellenmarkt im ersten Quartal. Der zweite Blick relativiert das. Der Rückgang im April ist zum grossen Teil saisonal – im Jahresvergleich liegt die Arbeitslosigkeit fast 10 Prozent höher, und saisonbereinigt bewegt sich die Quote seit Monaten kaum.


Dazu kommt: Die Q1-Erholung wurde gemessen, bevor der Krieg im Nahen Osten begann; das KOF-Barometer brach im März bereits um 7,7 Punkte ein. Für 2026 erwartet die KOF eine Quote von rund 3,2 Prozent und nur 1 Prozent Wirtschaftswachstum. Kurz: Der Markt funktioniert, ist aber enger und unsicherer, als die Monatszahlen vermuten lassen.



Was Unternehmen wirklich suchen


Der eigentlich spannende Teil der Studie hat mit den Konjunkturzahlen wenig zu tun. Adecco und der Stellenmarkt-Monitor der Universität Zürich haben über eine Million Schweizer Stelleninserate aus den Jahren 2015 bis 2026 ausgewertet und gefragt: Welche Fähigkeiten verlangen Arbeitgebende – und wie verschiebt sich das über die Zeit?

Das Ergebnis ist deutlich. Überfachliche, also berufsübergreifende Fähigkeiten dominieren die Inserate und gewinnen weiter an Gewicht: Ihr Anteil stieg von knapp 60 auf über 63 Prozent, besonders ausgeprägt seit 2022. Gleichzeitig schrumpfen die formalen Wissensanforderungen – von rund 25 Prozent im Jahr 2015 auf unter 23 Prozent 2026. Berufsspezifische Fähigkeiten bleiben stabil auf niedrigem Niveau.



Welche überfachlichen Fähigkeiten stehen zuoberst?


Laut Studie sind es drei Gruppen:


  • Selbstmanagement (Eigeninitiative, selbstständiges Arbeiten, Lernbereitschaft).

  • Soziale und kommunikative Kompetenzen (Teamarbeit, Führung, Vernetzung) und

  • Denkfähigkeiten (analytisches und komplexes Problemlösen).

  • Am häufigsten genannt werden proaktives Handeln, Teamarbeit und effizientes selbstständiges Arbeiten.


Und KI? Weniger Treiber als gedacht


Die naheliegende Erklärung wäre: KI verändert die Arbeit, also wollen Firmen mehr Soft Skills. Die Daten geben das nicht her. Im Gegenteil – in stark KI-exponierten Berufen ist der Anteil überfachlicher Fähigkeiten sogar tiefer (–3,1 Prozentpunkte) und der Anteil an Wissensanforderungen höher (+2,3 Prozentpunkte). KI verstärkt den Trend zu überfachlichen Fähigkeiten also höchstens leicht, statt ihn auszulösen.



Was steckt dann dahinter? Ein struktureller Wandel in der Art, wie wir arbeiten: mehr Teamarbeit, flachere Hierarchien, komplexere Aufgaben. Dieser Wandel läuft seit Jahren und vollzieht sich zu zwei Dritteln innerhalb derselben Berufe – es sind nicht einfach neue Jobs, sondern veränderte Erwartungen an bestehende.


Was das konkret heisst


Für Unternehmen und alle, die einstellen: Das perfekte Anforderungsprofil auf dem Papier sagt immer weniger darüber aus, wer in sechs bis zwölf Monaten wirklich gute Arbeit leistet. Wer im Auswahlprozess nur auf Diplome und exakte Vorerfahrung filtert, sortiert genau die Menschen aus, die sich schnell einarbeiten und mitdenken. Lernbereitschaft, Eigeninitiative und die Fähigkeit, im Team zu funktionieren, lassen sich im Lebenslauf nicht ablesen – im Gespräch schon, wenn man die richtigen Fragen stellt.


Für Stellensuchende und Quereinsteigende: Ein fehlendes Diplom ist heute eine kleinere Hürde als noch vor zehn Jahren. Was zählt, sind übertragbare Fähigkeiten – und dass du sie mit konkreten Beispielen belegen kannst, statt sie nur zu behaupten. «Ich bin teamfähig» überzeugt niemanden. Eine Situation, in der du im Team einen Konflikt gelöst hast, schon. Und gerade weil der Markt voller wird: Wer seinen konkreten Mehrwert klar zeigt, hebt sich vom Stapel ab.


Mein Fazit:


Die Monatszahlen sagen: Der Markt ist angespannt, aber funktioniert. Die Strukturdaten sagen: Was Unternehmen suchen, verschiebt sich – weg vom formalen Abschluss, hin zu Fähigkeiten, die sich nicht auswendig lernen lassen. Beides zusammen bestätigt, was ich in Hunderten Interviews gesehen habe: Die beste Einstellung entsteht selten aus dem makellosen Lebenslauf, sondern aus der Person, die zeigen kann, wie sie denkt, lernt und mit anderen arbeitet.



Quellen:


 
 
 

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